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Kenn Ihr das? Manchmal steht man vor etwas und sieht es nicht. Ziemlich genau so muss es in Bezug auf die Sumpf-Stendelwurz (Epipactis palustris) gewesen sein. Denn dort, wo ich sie entdeckt hatte, bin ich schon oft vorbeigewandert.

Alles fing an, als ich damals nach dem Gartenbaustudium im Münchner Großraum angefangen hatte, als Gartencenterleiter zu arbeiten. Typisch für Bewohner dieser Regionen ist die Anziehungskraft der Alpen deutlich spürbar. So zog es mich auch regelmäßig in die Bergwelt der Voralpen. Häufig auch einfach spontan nach dem Feierabend. Was soll man auch machen, wenn die Frühschicht am Nachmittag endet, da hat man noch so viel Tag vor sich, diese Zeit verbrachte ich bayrisch korrekt auf den Gipfel dieser Welt.

Aber ich schreibe hier ja nicht über das Wandern in den Alpen, sondern über eine spektakulär schöne Orchidee. Für mich neben dem Frauenschuh eine der schönsten Orchideen. Die Sumpf-Stendelwurz (Epipactis palustris) wächst bevorzugt in feucht-nassen Wiesen.

Doch warum habe ich diesen Hauch Alpenflair direkt in den Text aufgenommen? Damals Ende 2009 begang ich im Winter die Arbeits- und Alpenwelt für mich zu entdecken. Was vor über zehn Jahren noch normal war, suchen wir an Schneemassen inzwischen vergebens. Meine ersten alpinen Touren unternahm ich also im tiefsten Winter. Bei den Touren stand man teils hüfthoch im Schnee. Ok, zugegeben, das lag meist auch daran, dass ich teilweise Wege begangen habe, wo sich im Sommer herausstellte, dass es keine Wege waren, sondern ich über den Schnee, der sich über einem Latschenkiefernfeld befand, gelaufen bin. Wäre der Schnee nicht stabil gewesen, wäre ich ganz im Schnee verschwunden. Im Winter blühen die Stendelwurzen nicht, auch keine anderen Orchideen. Dennoch war damit der Grundstein für meine Entdeckung der Sumpf-Stendelwurz (Epipactis palustris) bereits gelegt.

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Die Region rund um den Achensee bei Achenkirch hat es mir damals angetan. Immer öfter war ich dort nun am Wandern und erkundete diese fantastische Region.

Ohne es zu wissen oder zu registrieren, muss ich damals mehrfach an den Sumpf-Stendelwurzen (Epipactis palustris) vorbeigelaufen sein. Denn als ich Jahre später diesen Weg entlang gewandert bin, traute ich meinen Augen kaum. Unmittelbar von einem der Wanderparkplätze, wo die Wege sich langsam durch das Tal und den Berg hinauf schlängeln, wuchsen so viele Orchideen, dass selbst mit verbundenen Augen hätte auffallen müssen, was ich davor nie gesehen hatte. Schon verrückt.

Die Region rund um den Achenkirch wurde zum Glück auch für meine Frau zu einem Lieblingsspot. Als wir 2020 wieder einmal in Achenkirch Urlaub gemacht hatten, haben wir uns weiter noch unbekannte Ecken angeschaut. In einer sehr schönen, wahrlich berauschenden Schlucht, fanden wir am oberen Ausgang der Schlucht neben dem Wasserlauf Feuchtwiesen, die ebenfalls voll mit der Sumpf-Stendelwurz (Epipactis palustris) waren. Auf einmal, als ob das Brett vor den Augen entfernt wurden, konnte man sie überall entdecken.

Die Sumpf-Stendelwurz trägt viele Namen, die allesamt darauf hindeuten, wo sich diese Orchidee am wohlsten fühlt. Weiße Sumpfwurz, Echte Sumpfwurz oder Sumpf-Sitter. Bis zu zwanzig Blüten kann der Blütenstand hervorbringen. Die Blütenfarbe variiert von grün bis violett, dabei sind die Blüten seltener kräftig in einer Farbe gefärbt, sondern meist in einer Mischung. Dabei zeigt sich die violette Zeichnung mehr oder weniger dominant. Sehr kräftige Pflanzen erreichen eine Größe bis 80 cm.

Bei einzelnen Spezial-Gärtnereien kann die Sumpf-Stendelwurz erworben werden. Wer sie bei sich erfolgreich kultivieren will, benötigt ein gutes Händchen. Einfach ist sie nicht in der Pflege, außer man beachtet einige Punkte. Meine Empfehlung ist diese Orchidee als Randpflanze eines Teichs oder Bachlaufs zu pflanzen. Die Sumpf-Stendelwurz bevorzugt kalk- oder basenreichen, jedoch stickstoffarmen Boden, der sickerfeucht auch zeitweise staunass sein kann. An ihrem Naturstandort, wo ich sie entdecken konnte, standen diese Orchidee in feinkörnigem und humusreichem Boden, der aufgrund der zahlreichen Wasserläufe in den Alpen ständig feucht bzw. nass war. Im Hochsommer, wenn sich diese Orchideen wieder in den Boden zurückziehen, sind diese Standorte jedoch wieder trockener, wenn auch nicht komplett durchgetrocknet.

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Die Sumpf-Stendelwurz ist im Übrigen eine der wenigen Orchideen, die ihre sexuelle Lust nach Bestäubung mit der Bereitstellung von Nektar dankt, da gibt es in dieser Familie so einige andere Verwandte, die ihren Spaß haben, ohne sich zu bedanken.

Die fotografierten Standorte befinden sich mehr oder weniger im Halbschatten bis sonnigen Standort, denn kompletten Schatten mag diese Orchidee nicht. Bei den mir bekannten Standorten erstreckt sich die Blühphase zwischen Ende Mai bis Anfang Juli. Dies ist allerdings wie alles in der Natur sehr von der Witterung abhängig. Der Monat Juni ist jedoch ein sehr guter Orchideen-Monat.

Wie alle in Europa vorkommenden Orchideenarten steht auch die Sumpf-Stendelwurz unter strengem Schutz europäischer und nationaler Gesetze. Ausgraben, beschädigen oder pflücken ist strengstens untersagt. Ich bitte alle dies zu beachten, ich habe schon viele Menschen gesehen, die sich Sträuße pflücken. Auf die Reaktionen, wenn man das anspricht, will ich hier nicht eingehen. Nur eine kleine Bemerkung sei mir gestattet. Ich finde, wir haben nicht das Recht, uns nur aus dem Grund, dass wir Menschen sind, zu gestattet, alles gedankenlos kaputtzumachen. Auch sollten gerade Eltern den Kindern ein Vorbild sein und sie nicht noch dazu animieren, die Natur kaputtzumachen.

Welche Orchideen habt Ihr schon in der freien Wildbahn gesehen? Schreibt es doch gerne hier in die Kommentare oder schreibt auch, falls Ihr Interesse an einer geführten Tour habt.

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