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Vietnam war für uns Neuland. Nicht nur ein neues Land, sondern gleich ein neuer Kontinent, neue Eindrücke, neue Gerüche, neue Geräusche. Unsere Reise hatte keinen botanischen Schwerpunkt, wir sind nicht wegen Orchideen nach Vietnam gekommen. Vielmehr ging es darum, Kulturen kennenzulernen, die uns bisher völlig fremd waren.

Was man in Deutschland als „vietnamesisch“ kennt, beschränkt sich oft auf Restaurants um die Ecke. Das Essen ist vertraut – zumindest glauben wir das. Doch wie so oft zeigt sich erst im Herkunftsland, wie groß der Unterschied wirklich ist. Zutaten, Zubereitung, Frische, Atmosphäre – all das lässt sich kaum exportieren.
Mit Pflanzen ist es ganz ähnlich.

Natürlich schaut man mit den Augen von Orchideenhobby.de automatisch genauer hin. Orchideen fallen auf. Immer. Und so dauerte es nicht lange, bis wir auf Cat Ba unsere ersten Exemplare entdeckten. Sie hingen ganz selbstverständlich an Häusern, in Hängetöpfen, integriert in den Alltag. Nicht als Besonderheit, sondern als Teil des Wohnraums.

Wir waren Ende Dezember, über Weihnachten, auf Cat Ba. Obwohl es eine große Vielfalt an Orchideen gab, blühten zu dieser Zeit nur wenige. Vorab hatte ich mich etwas informiert und wusste, dass vor allem Dendrobium-Orchideen in dieser Phase zur Blüte neigen – und genau das ließ sich auch beobachten. Die Blüten wirkten nicht spektakulär inszeniert, sondern fast beiläufig schön. Ein kurzer Farbakzent im ansonsten grünen Geflecht.

Die Art der Orchideenpflege in Vietnam wirkt auf den ersten Blick erstaunlich simpel. Die Pflanzen werden meist in luftige Hängetöpfe gesetzt. Als Substrat kommen unterschiedliche Materialien zum Einsatz: Baumfarn, Kokosfaser, Pinienrinde, Kohle oder Kokoschips. Letztere sind überall verfügbar, denn Kokosnüsse gehören hier zum Alltag. Kokoschips funktionieren hervorragend als Substrat, vor allem in Kombination mit der hohen Luftfeuchtigkeit.

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Diese hohe Luftfeuchtigkeit ist ein entscheidender Faktor. Je nach Jahreszeit liegt sie deutlich über dem, was wir aus Mitteleuropa kennen. Dadurch können Orchideen epiphytisch wachsen, wie sie es von Natur aus tun. Ein luftiges Substrat ist essenziell – Staunässe spielt hier kaum eine Rolle, weil Klima und Luftbewegung den Rest erledigen.

Was jedoch am meisten auffällt, ist nicht das Substrat, nicht der Topf und auch nicht die Technik. Es ist die Haltung.
Eine einmal gepflanzte Orchidee darf sich entwickeln. In ihrem Tempo. Ohne ständiges Eingreifen. Ohne permanentes Kontrollieren. Sie wächst, wie sie möchte, wann sie möchte.

Genau hier liegt der größte Unterschied zu unserer Pflegekultur. Bei uns wird geschaut, gemessen, geprüft. Jeden Tag. Passiert nichts, wird nachgeholfen. Und wenn immer noch nichts passiert, entsteht schnell Unruhe. Geduld ist selten geworden, Gelassenheit fast schon ein Fremdwort.

In Vietnam scheint man verstanden zu haben, dass alles Gute Zeit braucht – und vor allem Ruhe. Die Orchidee wird nicht gedrängt. Sie wird begleitet. Und wenn sie bereit ist, zeigt sie sich von ihrer schönsten Seite.

Ich will nicht ins Philosophische abdriften, aber ein ruhigerer Ansatz täte uns allen gut – der Pflanze genauso wie dem Gärtner.
Manchmal ist weniger Eingreifen der bessere Weg.
Gut Ding braucht Zeit.


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